Über einen Zeitraum von mehr als 30 Tagen durchquerte der Hamburger Tobias Schlegl gemeinsam mit seiner 73-jährigen Mutter den berüchtigsten Wallfahrtspfad weltweit – den Jakobsweg. Seine Mutter träumte schon lange davon, die Pilgerschaft in Spanien zu erleben, während es für ihn eine Gelegenheit war, sie besser kennenzulernen. Ihre Reise von Pamplona bis Santiago de Compostela stellte beide vor große Herausforderungen. "Der Jakobsweg ist echt anspruchsvoll. Man sollte sich nichts vormachen; dies war tatsächlich sehr beschwerlich", so Schlegl. Zuvor wurde der 47jährige durch Moderationssendungen wie 'extra 3' und 'aspekte' bekannt.

Im Juli 2016 verkündete Schlegel seine Absicht, sich größtenteils aus seinem Job im Fernsehen zurückzuziehen und Notfallsanitäter zu werden, um etwas "sozial relevantes" zu tun, wie er dem Branchenportal DWDL an jenem Tag erklärt hatte. Seit diesem Zeitpunkt hat er mehrmals durch Dokumentationen sowie als Autor eines Büchers öffentliche Aufmerksamkeit geweckt. Heute präsentiert er sein neues Werk namens "Leichter Herzensschwere Füße", veröffentlicht vom Piper Verlag, welches seinen Weg entlang des klassischen Pilgerspfades beschreibt.

Über 700 Kilometer in 34 Tagen

Tobias Schlegl und seine Mutter Sieglinde haben innerhalb von 34 Tagen über 700 Kilometer zurückgelegt. Diese Wandertour brachte ihnen Freude und Trost sowie Frust und Zorn mit sich – und zugleich ein stärkeres Band zwischen ihnen beiden. Tobias sagte: "Ich war wirklich überrascht von meiner Mutter. Sie ist weitaus fröhlicher und abenteuerlustiger, als ich gedacht hatte. Sie ist unglaublich stark. Eigentlich kannte ich sie vorher überhaupt nicht richtig."

Die Reise mit all seinen Höhen und Tiefen hat das Paar stark zusammengebracht. "Wir haben uns auf dieses Update eingestimmt und nun genießen wir eine nahezu telepathische Verständigung. Manchmal genügt schon ein kurzer Blick." Selbstverständlich gab es zwischen der Mutter und ihrem Sohn auch einige Meinungsverschiedenheiten. "Es ist zweimal vorgekommen, einmal sogar recht heftig. Im Großen und Ganzen jedoch war es überraschend friedvoll", berichtet Tobias Schlegl.

Wanderlust und Wanderrausch

Und eines mehr ist aus der Reise hervorgegangen: "Jetzt verspüre ich einen starken Drang zum Wandern. Ich möchte gerne noch den nördlichen Camino machen. Entlang der Küste. Nur wegen dem unglaublichen Gefühl würde ich das wiederholen." Während seiner Pilgertour nach Santiago de Compostela erlebte er am zwölften Tag bereits "einen richtigen Pilgerhochgenuss, eine wahre Wanderbegeisterung".

Der Hamburger war nur wenig auf seine Wandertour entlang des Jakobswegs vorbereitet. "Ich habe mich zuvor nicht mit Reiseführern zum Thema befasst. Selbst das Buch von Hape Kerkeling habe ich nicht erneut geöffnet." Vor seinem Start wollte er lieber nichts über die kommenden Herausforderungen erfahren. "Es sollte trotzdem ein klein wenig Abenteuersinn dabei sein. Heutzutage kann ich feststellen: Zum Glück waren uns viele Details vorenthalten."

Jedes Jahr machen 500.000 Personen eine Pilgerreise über den Jakobsweg.

Der Jakobsweg durchs spanische Inland ist einer der berühmtesten Wallfahrtswege in ganz Europa und endet in Santiago de Compostela im Norden Spaniens. Diese Strecke bietet weite grüne Flächen, atemberaubende Küstenabschnitte sowie idyllische Dorfgemeinschaften: Der "Camino" zählt zu den meistbefahrenen Trekkingroutinen auf dem Kontinent sowohl für erfahrene als auch Amateur-Trekkler. Vor etwa zwei Jahrzehnten gab es eine Steigerung des Interesses an diesem Pfad unter deutschen Touristen – dank eines Bestseller-Buches namens "Ich bin dann mal weg", verfasst von Hape Kerkeling, einem bekannten Komödianten und Unterhalter.

Seit Jahren wächst die Anzahl der Wallfahrer kontinuierlich. Laut der Pilgerbehörde Oficina del Peregrino erhielten über 430.000 Personen im Jahr 2022 das Eingangszertifikat, was sich bis zum Jahr 2024 auf bereits 499.300 erhöht hat, davon waren 23.000 Deutsche. Da jedoch Andachtslosigkeit mittlerweile keine Priorität mehr ist, äußerten die Einwohner von Santiago de Compostela zu diesem Thema regelmäßig Verärgerung.

Schlafen, Essen, Wandern. Dazwischen Leidenschaft, Jammeranfälle - und natürlich all das auskosten.

Tobias Schlegl

Tobias Schlegls Buch ist kein Abenteuerroman – darauf legt er auch keinen Wert. Während seiner Reise hielt der Journalist notdürftig ein Tagebuch an Stichpunkten fest. "Schlafen, Essen, Wandern. Dazwischen Leiden, Jammern – und natürlich alles genüsslich auskosten", resümiert Schlegl lächelnd.

Für Personen, die bereits den Jakobsweg absolviert haben oder dies geplant haben, bietet dieser Text wertvolle Informationen: Die gastronomischen Angebote mit eher limitierten veganen Optionen, verantwortliche Gepäckdienstleistungen, überbelegte Unterkünfte sowie Reservierungsmöglichkeiten via Smartphone. Während seines Weges ernährte sich Schlegl hauptsächlich von Schokocroissants und Nudeln. „Ich schätze es, dass ich an einem Durchgang mindestens vier bis fünf Croissants zu mir nahm“, betonte er. Diese Leckerei genießt er auch heute noch gerne.

Eltern kennenlernen, während sie noch nicht zu alt sind.

Für viele Menschen ist dieses Konzept sowohl unterhaltsam als auch erhellend, da wir im Allgemeinen unserer altersbedingten Eltern möglicherweise nicht genügend Aufmerksamkeit schenken. Die Essenz des Buchs besteht darin, dass manche glauben sollten, ihre älter werdenden Eltern besser kennenzulernen, ehe sie zu betagt dafür werden. Dies könnte eventuell sogar andere dazu anregen, ihren eigenen Weg einzuschlagen. Schließlich braucht dieser Weg nicht notwendigerweise dem Jakobsweg ähneln. Obwohl diese Reise ihm persönlich helfen würde, neuen Schwung in seinem Leben zu finden, innere Kräfte zu stärken und negative Gedanken abzulegen, war dies nicht sein Hauptziel gewesen. Er hatte vielmehr vor, sich mehr mit seiner Mutter vertraut zu machen statt nur ihn selbst kennen zu lernen.

"Ein leichter Herzensschlag und schwerfällig im Gang" wird unterhaltsam erzählt. Die Leserschaft begleitet gerne Schlegel bei seinem journalistorischen Abenteuerlust während seiner Entdeckungsreise an verschiedenen Schauplätzen über die Dauer von 34 Tagen hinweg. Gleichzeitig wird jedoch deutlich, dass Kinder und Erwachsene häufig ganz anders ticken können. Zudem verdeutlicht es, wie einfacher und angenehmer Zusammenleben sein könnte, falls wir uns einige Tage lang bedingungslos aufeinanderringen würden und gegenseitig unsere Unterstützung bräuchten statt durch Ablenkungen voneinander abgelenkt zu werden.

RND/dpa

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